Vom Kontor in den Bahndienst
Mitzi Horak, 1878 in Wien geboren, schlug ihren beruflichen Weg mit Zielstrebigkeit ein. Als Tochter eines Ministerialbeamten begann sie als Kontoristin, sammelte später Erfahrung bei der Internationalen Schlafwagengesellschaft und legte schließlich die Telegraphen- und Verkehrsprüfung ab – Voraussetzung für eine Laufbahn im Bahnbetrieb, die Frauen zu dieser Zeit praktisch verschlossen war.
Wie eine Privatbahn Geschichte schrieb
Dass Horak dennoch reüssierte, lag an einer rechtlichen Besonderheit: Die Bozen-Meraner Bahn war keine Staatsbahn, sondern ein privates Unternehmen. Während auf den k.k. Staatsbahnen keine Frau eine leitende Position bekleiden durfte, eröffnete der private Status genau das Schlupfloch, das es im staatlichen Bahnwesen nicht gab. Nach einem Praktikum bei der Bahn in Untermais und mit den besten Prüfungsnoten wurde Horak im Sommer 1902 zur Stationschefin von Vilpian bei Terlan bestellt – im Einvernehmen mit dem k.u.k. Eisenbahnministerium in Wien.
Die Funktion war alles andere als symbolisch: Horak koordinierte den Bahnhofsbetrieb, beaufsichtigte Personal, versah Telegraphendienst, stand mit Lokführern in Verbindung und war für Fahrgäste und Betriebsabläufe verantwortlich – mit gerade einmal 24 Jahren.
Internationale Aufmerksamkeit für eine Wienerin am Bahnhof Vilpian
Die Ernennung sorgte für Aufsehen, das über Südtirol und die Monarchie hinausreichte. Zeitungen berichteten über „die erste weibliche Stationschefin", und selbst am anderen Ende der Welt wurde man aufmerksam: Der neuseeländische Auckland Star meldete im September 1902 unter Berufung auf „Miss Mizzi Horak of Vienna" von dem ungewöhnlichen Personalentscheid.
Vor Ort, in Vilpian selbst, wurde Horak rasch akzeptiert – die Zurückhaltung kam vor allem aus höheren Ämtern und konservativen Kreisen, die Frauen allenfalls im Schreib- oder Gepäcksdienst sehen wollten, nicht aber an der Spitze eines Bahnhofs.
1906: Das Ende einer Ausnahme
Horaks Zeit als Stationschefin währte gut vier Jahre. 1906 ging die private Bozen-Meraner Bahn im Zuge der Verstaatlichung in den staatlichen Bahnbetrieb über – und mit ihr das Regelwerk, das Frauen von Führungspositionen ausschloss. Für Horak bedeutete das den Verlust ihres Postens; sie wurde nach Meran und später zurück nach Wien versetzt.
Mitzi Horak als Symbolfigur der Frauenbewegung
Horaks Fall blieb nicht folgenlos: Ihre Absetzung wurde von der österreichischen Frauenbewegung aufgegriffen und zum Politikum. Sie stand exemplarisch für ein Muster, das sich in der Frauenrechtsgeschichte immer wieder zeigt – Frauen konnten ihre Eignung beweisen und wurden trotzdem aus strukturellen Gründen zurückgedrängt.
Über 120 Jahre später erinnert die Geschichte daran, wie jung die Selbstverständlichkeit ist, mit der Frauen heute Führungsfunktionen im Bahnbetrieb übernehmen – ob am Bahnhof, im Zugbetrieb oder in der Konzernleitung.
Mehr Infos zum Weiterlesen:
- Südbahn Museum: „Frauen am Zug"
- UnserTirol24 (2019): „Mizzi Horacks Ringen um die Gleichberechtigung der Geschlechter"
- Wikipedia: Vilpian
- Eine ausführliche Geschichte mit Interview des Historikers Günther Rauch findet sich bei Unsere Zeitung